3.3 Der Proton-Proton-Zyklus
Quelle: Themenpool §3 · Mitschrift §8.1.1
Die wichtigste Fusionsform in der Sonne — Schritt für Schritt verschmelzen vier Wasserstoffkerne zu einem Heliumkern.

Abbildung: Proton-Proton-Zyklus. Schritt 1: zwei Protonen → Deuterium + Positron + Neutrino (β⁺). Schritt 2: Deuterium + Proton → ³He + γ. Schritt 3: zwei ³He → ⁴He + zwei Protonen. Rot = Proton, blau = Neutron.
Schritt 1 — zwei Protonen werden zusammengepresst. Trotz elektrischer Abstoßung (Coulomb-Kraft) kommen sie in Reichweite der starken Kraft (Kernphysik); ein β⁺-Zerfall wandelt ein Proton in ein Neutron um:
Es entsteht Deuterium (schwerer Wasserstoff). Das Positron annihiliert (zerstrahlt: Teilchen und Antiteilchen vernichten sich gegenseitig und wandeln ihre gesamte Masse in Strahlung um) sofort mit einem Elektron; das Neutrino entweicht. Dieser Schritt ist selten — die meisten Protonen prallen einfach wieder ab.
✎ Warum ist Schritt 1 so selten — und warum braucht Fusion überhaupt Millionen Grad? Zwei Protonen sind beide positiv und stoßen sich ab (Coulomb-Kraft, die mit kleinerem Abstand stark wächst — die „Coulomb-Barriere"). Die starke Kernkraft, die sie binden könnte, wirkt aber nur auf extrem kurze Distanz. Damit zwei Protonen nah genug kommen, müssen sie sehr schnell sein → das verlangt die enorme Temperatur des Kerns (~15 Mio. °C). Zusätzlich muss im selben Moment ein Proton per β⁺-Zerfall (schwache Wechselwirkung) zum Neutron werden — ein für sich schon unwahrscheinlicher Vorgang. Beides zusammen macht Schritt 1 so selten, dass die Sonne gerade deshalb so langsam und über Milliarden Jahre brennt.
Schritt 2 — Deuterium fängt ein weiteres Proton ein, erste Fusion zu Helium-3 unter Gammastrahlung:
Schritt 3 — zwei Helium-3-Kerne verschmelzen zu Helium-4; zwei Protonen werden frei und können den Zyklus neu starten:
Netto-Bilanz:
Achtung Bilanz: Schritt 3 braucht zwei ³He — also laufen Schritt 1 und 2 pro Zyklus je zweimal ab; daher stehen
✎ Wie viel Energie — und woher genau? Der Schlüssel ist der Massendefekt:
- Man wiegt die Ausgangsstoffe (vier Protonen) und das Produkt (ein ⁴He-Kern).
- Das ⁴He ist leichter als die vier einzelnen Protonen zusammen — es „fehlt" Masse
(etwa 0,7 %). - Diese fehlende Masse ist nicht verschwunden, sondern nach
in Energie umgewandelt: pro Zyklus etwa 26,7 MeV (ein kleiner Teil entweicht mit den Neutrinos). Genau deshalb gilt: Fusion leichter Kerne setzt Energie frei (siehe Bindungsenergie-Kurve weiter unten). (Wikipedia: Proton–proton chain)
✎ Zwei klassische Nachfragen (Arbeitsblatt, Mappe S. 30):
- Warum kommt es in einem Glas Wasser (voller Wasserstoffkerne) nicht zur Kernfusion? Bei Raumtemperatur liegt die kinetische Energie der Protonen um Größenordnungen unter der Coulomb-Barriere; außerdem sind die Protonen in Molekülen gebunden und von Elektronenhüllen abgeschirmt — sie kommen einander nie auf „Kernnähe" (Reichweite der starken Kraft). Fusion braucht ~15 Mio. °C heißes Plasma.
- Warum gehen pro Sekunde Milliarden Sonnenneutrinos durch uns hindurch, ohne dass wir etwas merken? Neutrinos sind ungeladen und unterliegen nur der schwachen Wechselwirkung — ihr Wirkungsquerschnitt ist winzig, selbst die ganze Erde ist für sie praktisch durchsichtig. Nebenbei: Die Photonen „quälen" sich 1 Mio. Jahre aus der Sonne, die Neutrinos fliegen direkt aus dem Kern (nach ~8 Minuten bei der Erde) — Neutrino-Detektoren liefern daher eine „Live-Übertragung" der Fusion im Sonnenkern.
Aktuell nur Wasserstoff → Helium — für die Helium-Fusion fehlt der Sonne derzeit Druck und Temperatur. Am Ende ihres Lebens (Rote-Riesen-Phase) fusioniert sie bis Kohlenstoff. Nicht bis Eisen: Nur massereichere Sterne fusionieren bis Eisen.
✎ Warum endet Fusion ausgerechnet bei Eisen? (Die Bindungsenergie-Kurve) Schritt für Schritt:
- Jeder Kern hat eine Bindungsenergie pro Nukleon — sie sagt, wie „fest verschnürt" und damit wie energiearm (stabil) ein Kern ist. Je größer dieser Wert, desto stabiler der Kern.
- Trägt man diesen Wert über der Massenzahl auf, entsteht eine Kurve mit einem Maximum bei Eisen (
Fe) — Eisen ist der am festesten gebundene, stabilste Kern. - Links vom Maximum (leichte Kerne, H → He → … → Fe): Beim Verschmelzen rückt man auf der Kurve nach oben → die Nukleonen werden fester gebunden, die „überschüssige" Bindungsenergie wird nach
als Massendefekt frei. Fusion leichter Kerne setzt also Energie frei. - Am Maximum (Eisen): fester geht es nicht. Eisen weiter zu verschmelzen würde keine Energie mehr liefern — im Gegenteil: man müsste Energie hineinstecken.
- Rechts vom Maximum (schwerer als Eisen): Hier liefert nur noch das Spalten (Fission) Energie — deshalb spaltet man Uran, statt es zu fusionieren (Kernphysik).
Deshalb ist Eisen die natürliche „Sackgasse" der Sternfusion: bis Eisen gewinnt der Stern Energie, ab Eisen würde er Energie verlieren.