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6.2 Exkurs: Spezielle Relativitätstheorie und das Myonenproblem

Quelle: Themenpool §6 · Mitschrift §3.3.8

Das Myonenproblem ist ein direkter Beweis für die Spezielle Relativitätstheorie — und ein Lieblingsthema für Nachfragen.

Das Problem (Schritt für Schritt). Myonen sind instabile Teilchen aus der Sekundärstrahlung; sie entstehen in h20 km Höhe und leben im Mittel nur τμ=2,2106 s. Rechnen wir klassisch nach, wie weit sie kommen:

  1. Maximale klassische Reichweite = schnellstmögliche Geschwindigkeit × Lebensdauer. Schneller als Licht geht nicht, also vc: dmax=cτμ.
  2. Einsetzen: dmax=3108ms2,2106s660 m.
  3. 660 m ist viel zu wenig für die 20 km bis zum Boden — klassisch dürften die Myonen nie ankommen. Trotzdem misst man sie am Boden. Wie?

Erklärung (Einstein 1905): Zeit und Länge sind nicht absolut, sondern hängen vom Bezugssystem ab. Es gibt zwei völlig gleichwertige Wege, das aufzulösen — je nachdem, aus wessen Sicht man rechnet.

Weg A — Zeitdilatation (aus Sicht der Erde)

tb=te1v2c2
SymbolBedeutungEinheit
teEigenzeit — gemessen im mitbewegten System (Uhr des Myons), die kürzere Zeits
tbZeit, die der ruhende Beobachter (Erde) misst, die längere Zeits
vRelativgeschwindigkeitm/s
cLichtgeschwindigkeit 3108m/s

Zeitdilatation: Bewegte Uhren gehen langsamer. Der Wurzelausdruck ist immer kleiner als 1 (weil v2/c2<1), also ist tb immer größer als te — die ruhende Erd-Uhr misst die längere Zeit. Logik der Anwendung:

  1. Die Lebensdauer τμ=2,2μs misst das Myon an der eigenen Uhr — das ist die Eigenzeit te (sie ruht relativ zum Myon).
  2. Wir auf der Erde sehen die Myon-Uhr langsamer gehen; für uns lebt das Myon die längere Zeit tb=te1v2/c2.
  3. In dieser längeren Zeit legt es bei nahezu c die Strecke d=vtb660 m zurück — bei v0,9995c wird tb rund das 32-Fache von te, also d32660m21 km. So „lebt" das Myon für uns lange genug, um die 20 km zu schaffen.

Weg B — Längenkontraktion (aus Sicht des Myons)

b=e1v2c2

e Strecke, gemessen im System, in dem sie ruht (für uns: die 20 km Atmosphäre), die längere Länge; b Länge im bewegten System (Sicht des Myons), die kürzere. Längenkontraktion: Bewegte Strecken sind verkürzt.

  1. Das Myon „merkt" seine eigene kurze Lebensdauer τμ=2,2μs ganz normal — für sich selbst lebt es nicht länger.
  2. Dafür ist aus seiner Sicht die Atmosphäre entgegengeflogen und dabei verkürzt: statt 20 km nur b=20km1v2/c2 — bei v0,9995c nur noch ca. 630 m.
  3. Diese kurze Strecke schafft das Myon mit seiner kurzen Lebenszeit: b630mvτμ660 m.

Beide Beschreibungen sind exakt äquivalent — sie liefern dasselbe Ergebnis (das Myon kommt an), nur das Bezugssystem ist anders: Was der eine als gedehnte Zeit beschreibt, beschreibt der andere als verkürzte Strecke.

Wichtige Feinheiten: • Wer selbst betroffen ist, merkt nichts — aus eigener Sicht ist alles normal, nur die Außenwelt ist verändert. • Wegen des v2 wächst der Effekt erst nahe c dramatisch. Für ein Photon vergeht gar keine Zeit. Dieselbe Wurzel 1v2/c2 steckt auch hinter der relativistischen Massenzunahme (mit wachsender Geschwindigkeit nimmt die Masse eines Körpers zu und wird bei vc unendlich groß — deshalb kann nichts mit Ruhemasse je c erreichen). • ✎ Achtung Schreibweise: Themenpool/Mitschrift notieren tb=tr1v2/c2 — dort ist tb die Zeit im bewegten System (Eigenzeit) und tr die des ruhenden Beobachters. Das ist dieselbe Formel wie oben, nur umgestellt und mit anders benannten Indizes; der Inhalt bleibt: die bewegte Uhr zeigt weniger an. • ✎ τμ ist ein Mittelwert (exponentieller Zerfall). Klassisch käme nur ein Anteil von etwa e20000/6601013 an — praktisch kein einziges Myon. Gemessen wird aber ein großer Teil → die klassische Physik scheitert eindeutig, nicht nur „knapp".