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12.4 Die vier Strahlungsarten

Quelle: Mitschrift §3.3.1

Die Buchhaltung des Zerfalls — zwei Erhaltungssätze. Jeden Zerfall kann man wie eine „Bilanz" lesen: Was links (Ausgangskern) steht, muss rechts (Produkte) wieder herauskommen. Zwei Größen müssen dabei immer gleich bleiben:

  1. Die Gesamtladung (Z als Ladungsbilanz) (Ladungserhaltung).
  2. Die Nukleonenzahl A (so viele Nukleonen wie vorher).

Mit diesen zwei Regeln kann man ΔZ und ΔA jeder Strahlung selbst herleiten, statt sie auswendig zu lernen — wir machen das gleich für jede Art.

Strahlungbesteht ausΔZΔAUrsache (Nuklidkarte)
αHeliumkern (2p + 2n), 2-fach positiv24zu schwer (gelb)
β⁻Elektron+10zu viele Neutronen (blau)
β⁺Positron10zu viele Protonen (rot)
γhochenergetische EM-Strahlung00zu viel Energie (weiß)

α-Strahlung (der Kern war zu schwer): Ein Heliumkern (24He, also 2 Protonen + 2 Neutronen) wird mit hoher Geschwindigkeit aus dem Kern abgefeuert.

  • Warum gerade ein Heliumkern und nicht einzelne Nukleonen? Der 24He-Kern ist außergewöhnlich fest gebunden (sehr hohe Bindungsenergie pro Nukleon). Es ist energetisch „billig", dieses kompakte Paket im Ganzen abzustoßen — der Kern verliert so am effizientesten überschüssige Masse.
  • Die Bilanz Schritt für Schritt: Das α-Teilchen nimmt 2 Protonen mit → ΔZ=2. Es nimmt 4 Nukleonen mit → ΔA=4. Weil sich Z ändert, entsteht ein anderes Element. Beispiel: 92238U90234Th+24He — links 92, rechts 90+2=92 ✓; links 238, rechts 234+4=238 ✓.

β⁻-Strahlung (der Kern hatte zu viele Neutronen): Im Kern zerfällt ein Neutron in Proton + Elektron + Antineutrino. Der Kern tauscht also faktisch ein Neutron gegen ein Proton — genau das, was ein neutronenreicher Kern braucht.

np++e+ν¯e
  • Bilanz Ladung: links 0 (Neutron), rechts (+1)+(1)+0=0 ✓. Das Elektron verlässt den Kern (= die β⁻-Strahlung), das Proton bleibt.
  • Bilanz Z und A: ein Neutron wird zum Proton → Z steigt um 1 (ΔZ=+1); die Nukleonenzahl bleibt (Neutron weg, Proton dazu, in Summe unverändert) → ΔA=0.

Auf Quark-Ebene (Schritt für Schritt):

  1. Ein Neutron besteht aus den Quarks udd, ein Proton aus uud (Standardmodell). Der Unterschied ist also genau ein Quark: ein Down → Up.
  2. Ein Down-Quark (Ladung 13) wandelt sich über die **schwache Kraft** in ein Up-Quark (Ladung +23) um. Die Ladung ändert sich dabei um +23(13)=+1.
  3. Diese fehlende negative Ladung wird als W-Boson abgestrahlt (der „Bote" der schwachen Kraft).
  4. Das W ist sehr schwer und instabil und zerfällt sofort in Elektron + Antineutrino: We+ν¯e.
  5. Warum das Antineutrino? Es sorgt nicht für die Ladungsbilanz (es ist neutral), sondern für die Erhaltung der Leptonenzahl und verteilt die freiwerdende Energie — deshalb haben β-Elektronen ein kontinuierliches Energiespektrum (die Energie teilt sich zwischen Elektron und Antineutrino auf). Genau dieses Spektrum war historisch der Hinweis auf das Neutrino.

β⁺-Strahlung (der Kern hatte zu viele Protonen): Spiegelbildlich zu β⁻ — ein Proton wird zu Neutron + Positron + Neutrino. Der Kern tauscht ein Proton gegen ein Neutron.

p+n+e++νe
  • Bilanz Ladung: links +1, rechts 0+(+1)+0=+1 ✓. Das Neutron bleibt im Kern, Positron und Neutrino werden ausgestrahlt.
  • Bilanz Z und A: ein Proton wird zum Neutron → ΔZ=1; Nukleonenzahl unverändert → ΔA=0.

Auf Quark-Ebene: Hier geht uud → udd, also ein Up → Down. Dabei wird ein W+-Boson emittiert, das in Positron + Neutrino zerfällt (W+e++νe). Es ist der exakt gespiegelte Vorgang zum β⁻-Zerfall.

Nachfrage-fest: Ein freies Proton zerfällt nicht — warum geht β⁺ trotzdem? Ein freies Neutron zerfällt tatsächlich (T1/210 min), weil das Neutron schwerer ist als das Proton — np setzt Energie frei. Umgekehrt würde pn Energie kosten — ein freies Proton ist deshalb stabil. In einem protonenreichen Kern aber landet der Kern durch die Umwandlung in einem günstiger gebundenen Zustand: Die fehlende Energie zahlt der Kern als Ganzes (Differenz der Bindungsenergien). β⁺ passiert also nur im Kern, nie am freien Proton.

γ-Strahlung (der Kern hatte zu viel Energie): Nach einem α- oder β-Zerfall sitzt der neue Kern oft in einem angeregten Zustand (energiereicher als nötig). Er „fällt" in den Grundzustand und gibt die Energiedifferenz als ein hochenergetisches Photon (EM-Strahlung) ab — ganz analog zur Hülle, wo angeregte Elektronen Lichtquanten abgeben, nur mit viel größerer Energie.

  • Bilanz: Ein Photon hat keine Ladung und kein Nukleonweder Z noch A ändern sich (das Element bleibt dasselbe, nur die Energie sinkt). γ begleitet daher meist einen vorangehenden α- oder β-Zerfall.