Thema 4 — Paradigmatische Experimente
Vier Schlüsselexperimente · pro Experiment: Frage · Aufbau · Messung · Ergebnis · Konsequenz
✎ Was heißt „paradigmatisch"? Ein paradigmatisches Experiment stürzt eine alte Grundvorstellung (ein Paradigma) und setzt eine neue an ihre Stelle — es beantwortet eine Grundsatzfrage durch Messung statt durch Spekulation. Konkret: Rutherford stürzt das Rosinenkuchenmodell → Kern-Hülle-Modell; Cavendish macht die Gravitation erstmals im Labor messbar →
wird Naturkonstante, die Erde wird „wiegbar"; Millikan widerlegt die beliebig teilbare Ladung → Ladung ist quantisiert; der Doppelspalt zerlegt das Entweder-oder „Welle oder Teilchen" → Welle-Teilchen-Dualismus.
Kapitel
- 4.1 Rutherford-Experiment (1909–1911)
- 4.2 Cavendish-Experiment (1798)
- 4.3 Millikan-Öltröpfchen-Experiment (1910–1913)
- 4.4 Doppelspaltexperiment (Young 1801/02)
Selfcheck
- Welche Atom-Vorstellung galt vor Rutherford, und wie widerlegte sein Experiment sie?
- Welche drei Beobachtungen machte Rutherford, und was folgt aus jeder?
- Warum braucht das Cavendish-Experiment einen Spiegel?
- Welches Kräftegleichgewicht liegt der Cavendish-Messung zugrunde (
) — und wie wird bestimmt? - Warum nennt man Cavendish auch die „Wiegung der Erde"?
- Erkläre die drei Phasen des Millikan-Versuchs. Warum funktioniert er nicht im Vakuum?
- Was beweist Millikan über die elektrische Ladung?
- Was passiert beim Doppelspalt mit klassischen Teilchen, Wellen und einzelnen Photonen?
- Warum reicht das reine Wellenbild nicht, und was macht der Welcher-Weg-Detektor?
- Warum heißen diese vier Experimente „paradigmatisch"?
- Warum verwendete Rutherford gerade eine Goldfolie — und was hätte das Rosinenkuchenmodell vorhergesagt?
- Worin liegt die eigentliche Schwierigkeit des Cavendish-Experiments, und wie begegnet ihr der Aufbau?
- Warum nahm Millikan Öl- und keine Wassertröpfchen?
§§ANTWORTEN
- Das „Rosinenkuchenmodell" (Thomson): positive Ladung gleichmäßig verteilt, Elektronen darin eingebettet. Es wurde widerlegt, weil einige α-Teilchen stark zurückprallten — das geht nur an einer winzigen, dichten Ladungskonzentration. (§4.1)
- Die meisten gehen ungestört durch → Atom ist größtenteils leerer Raum; einige werden leicht abgelenkt → positiver Kern stößt sie ab; wenige prallen stark zurück → der Kern ist klein, schwer und positiv. (§4.1)
- Ein Spiegel am Stab wirft einen Lichtstrahl auf eine ferne Wand; die winzige Drehung wird so zu einer großen Wanderung des Lichtflecks (gleichschenkliges Dreieck) — sonst wäre die Bewegung unsichtbar. (§4.2)
- Gleichgewicht aus Gravitationskraft
und rücktreibender Hooke'scher Kraft des verdrillten Fadens. wird separat mit einer Federwaage geeicht (Kraft pro Winkel); da Hooke linear ist, darf von großen Winkeln extrapoliert werden. (§4.2) - Weil sich mit dem nun bekannten
erstmals die Erdmasse aus dem Gravitationsgesetz berechnen ließ. (§4.2) - Phase 1 (Schweben):
, aber unbekannt. Phase 2 (Sinken): Stokes-Reibung liefert über Radius und Öldichte die Masse . Phase 3 (Auswertung): . Im Vakuum geht es nicht, weil die Stokes-Luftreibung für Phase 2 gebraucht wird. (§4.3) - Die elektrische Ladung ist quantisiert — alle Ladungen sind ganzzahlige Vielfache der Elementarladung
C. (§4.3) - Klassische Teilchen: zwei Häufungen, kein Interferenzmuster (nur die Summe). Wellen: Überlagerung → Interferenzmuster. Einzelne Photonen: je ein Punkt, aber nach vielen entsteht wieder das Interferenzmuster → Welle-Teilchen-Dualismus. (§4.4)
- Ein einzelnes Photon trifft nur an einem Ort auf, erzeugt im Mittel aber trotzdem das Muster — das spricht gegen ein reines Wellenbild (Erklärung: es geht durch beide Spalte und interferiert mit sich selbst). Der Welcher-Weg-Detektor misst den Spalt → die Wellenfunktion kollabiert und das Interferenzmuster verschwindet. (§4.4)
- Jedes stürzt eine alte Grundvorstellung und setzt eine neue: Rutherford — Rosinenkuchen → Kern-Hülle-Modell; Cavendish —
erstmals im Labor gemessen → Erde „wiegbar"; Millikan — Ladung nicht beliebig teilbar → quantisiert; Doppelspalt — weder reines Teilchen- noch reines Wellenbild → Welle-Teilchen-Dualismus. (Einleitung) - Gold ist extrem dehnbar und lässt sich zu Folien von wenigen hundert Atomlagen schlagen (möglichst wenige Atome im Weg); zudem ist der Goldkern schwer und hoch geladen. Das Rosinenkuchenmodell hätte nur minimale Ablenkungen und kein Zurückprallen vorhergesagt — gerade das Zurückprallen widerlegt es. (§4.1)
- Die Kraft ist winzig (
N); Luftzug, Erschütterungen und Temperaturunterschiede stören. Lösung: geschlossener Kasten, Ablesen von außen mit Fernrohr, Spiegel-Trick (winzige Drehung → große Lichtwanderung, Winkel verdoppelt), Drehteller für die gespiegelte Doppelmessung. (§4.2) - Wassertröpfchen verdunsten während der Messung — Masse und Radius änderten sich laufend; Öl ist praktisch nicht flüchtig, das Tröpfchen bleibt konstant. (§4.3)