5.3 Physik im Straßenverkehr
Quelle: Themenpool §5 · Mitschrift §4.3.3
Der Anhalteweg setzt sich aus zwei Teilen zusammen — und genau hier passieren die typischen Denkfehler.
Vorbremsstrecke
Strecke zwischen dem Sehen des Hindernisses und dem Treten der Bremse. In dieser Reaktionszeit („Schrecksekunde",
✎ Woher kommt die „Schrecksekunde"? Diese ~1 s ist eine physiologische Reaktionskette: Das Auge sieht → das Gehirn erkennt die Gefahr und entscheidet → der Fuß wechselt vom Gas auf das Bremspedal. Müdigkeit, Alkohol und der Blick aufs Handy verlängern sie deutlich. Die Mappe bringt es auf den Punkt: Das Reaktionsvermögen des Neandertalers passte zu den Geschwindigkeiten, die er im Laufen erreichen konnte — die Evolution hat dem modernen Menschen aber keine bessere Reaktion mitgegeben; mit 130 km/h fährt dasselbe Nervensystem.
Rechenbeispiel (österreichisches Autobahnlimit):
Bremsstrecke
Strecke vom Bremsbeginn bis zum Stillstand. Beim Bremsen wirkt eine konstante Bremsbeschleunigung
Herleitung 1 (Kinematik, Schritt für Schritt).
- Bremszeit bestimmen. Die Geschwindigkeit fällt von
linear auf : . Nach auflösen → . - Weg während des Bremsens. Beim gleichmäßig beschleunigten Bremsen aus Geschwindigkeit
ist der Weg mit der mittleren Geschwindigkeit (linearer Verlauf von auf ). - Einsetzen von
und : . - Zusammenfassen:
(Äquivalent über
Herleitung 2 (Energie, Schritt für Schritt). Dieselbe Formel folgt aus dem Energieerhaltungssatz — und macht die
- Vor dem Bremsen hat das Auto die kinetische Energie
. Masse des Autos. - Beim Bremsen verrichtet die Bremskraft
über den Weg die Bremsarbeit . - Energieerhaltung: Die Bremse muss die gesamte Bewegungsenergie „wegbremsen" (in Wärme umwandeln), also
: . - Masse
kürzen (steht auf beiden Seiten): . - Nach
auflösen (durch teilen): — identisch.
Anhalteweg
Einflüsse auf
✎ Warum hat
eine Obergrenze? Die Bremskraft muss letztlich über die Haftreibung zwischen Reifen und Fahrbahn auf die Straße übertragen werden (solange das Rad noch rollt und nicht blockiert): . Eingesetzt in folgt — unabhängig von der Masse des Autos (das kürzt sich)! Trockene Fahrbahn → m/s²; Eis → nur m/s² — genau das erklärt die Werte der folgenden Tabelle. ABS verhindert das Blockieren der Räder: Gleitreibung ist kleiner als Haftreibung, ein blockiertes Rad bremst also schlechter.
✎ Größenordnung von
(PKW, aus der Mappe-Tabelle): trockener Beton ~8 m/s² (gute Sommerreifen), nasser Beton ~4–5 m/s², Neuschnee ~2–3 m/s², Glatteis nur ~1–1,5 m/s². Auf Eis wird die Bremsstrecke also rund 5- bis 8-mal länger als auf trockenem Beton — bei gleicher Geschwindigkeit.
Rechenbeispiele ( m/s², s)
| 50 km/h ≈ 14 m/s | 14 m | 14 m | ≈ 28 m |
| 100 km/h ≈ 28 m/s | 28 m | 56 m | ≈ 84 m |
| 130 km/h ≈ 36 m/s | 36 m | 93 m | ≈ 129 m |
✎ Die Pointe: Die Geschwindigkeit verdoppelt sich, der Anhalteweg verdreifacht sich (nicht verdoppelt!) — weil nur der Reaktionsweg linear wächst, die Bremsstrecke aber quadratisch. Beim Autobahnlimit 130 km/h beträgt der gesamte Anhalteweg ca. 129 m — mehr als ein Fußballfeld.
Rechenbeispiel 2 (Original-Aufgabe aus der Mappe, Schritt für Schritt): Ein Fahrer fährt mit 125 km/h bei idealen Fahrbahnverhältnissen (
- Vor dem Regen:
km/h m/s → m. - Im Regen, nach der Reduktion:
km/h m/s → m. - Fazit: Ja — die Bremsstrecke ist sogar etwas kürzer als vorher (46,5 m < 50 m); auch der Reaktionsweg schrumpft (≈24 m < ≈35 m). ✎ Moral: Bei schlechterer Fahrbahn genügt schon eine maßvolle Tempoverringerung — weil
quadratisch in die Formel eingeht.