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12.7 Halbwertszeit und Zerfallsgesetz

Quelle: Mitschrift §3.3.4–§3.3.6

Die Halbwertszeit T1/2 ist die Zeit, nach der die Hälfte aller instabilen Kerne zerfallen ist. Je instabiler ein Isotop, desto kürzer T1/2 — denn instabiler heißt höhere Zerfallswahrscheinlichkeit pro Zeit (größeres λ), und T1/2=ln2/λ ist umgekehrt proportional dazu.

Es ist ein statistischer Begriff: sinnvoll nur bei sehr vielen Atomen (großes Ensemble). Es gibt einen Grund, warum ein Kern zerfällt (z. B. zu viel Energie), aber keinen Grund für den Zeitpunkt — der Zerfall ist komplett zufällig (Quantenzufall). Das ist kein menschliches Nichtwissen, sondern eine Eigenschaft der Natur: „die Natur selbst weiß nicht, wann ein Atom zerfällt".

Zerfallsgesetz:

N(t)=N02t/T1/2=N0eλt,λ=ln2T1/2
SymbolBedeutung
N0Ausgangsmenge (bei t=0)
N(t)noch vorhandene Menge zur Zeit t
T1/2Halbwertszeit
λZerfallskonstante (Zerfallswahrscheinlichkeit pro Zeit), Einheit 1/s

Woher kommt die Form 2t/T1/2? (Halbierungs-Denkweise, Schritt für Schritt) Die Definition der Halbwertszeit sagt: nach jeder Zeitspanne T1/2 ist die Hälfte übrig. Wir zählen einfach die Halbierungen:

  1. nach 0T1/2: N=N0 (noch alles).
  2. nach 1T1/2: N=12N0=N021.
  3. nach 2T1/2: N=1212N0=N022.
  4. nach nT1/2 (also n Halbierungen): N=N02n.
  5. Die Anzahl der Halbwertszeiten in der Zeit t ist n=tT1/2. Einsetzen → N(t)=N02t/T1/2. (Für nicht-ganzzahlige n funktioniert die Potenz genauso.)

Woher kommt λ=ln2T1/2? (Umschreiben von Basis 2 auf Basis e, Schritt für Schritt) Beide Schreibweisen (2t/T1/2 und eλt) müssen dasselbe N(t) liefern. Wir rechnen die eine in die andere um:

  1. Trick: jede Zahl lässt sich als e-Potenz schreiben — speziell 2=eln2 (denn ln und e() heben sich auf).
  2. Damit wird 2t/T1/2=(eln2)t/T1/2.
  3. Potenzregel (ea)b=eab anwenden: =eln2t/T1/2=e(ln2T1/2)t.
  4. Vergleich mit eλt: der Faktor vor t muss übereinstimmen → λ=ln2T1/2.
  5. Was bedeutet λ anschaulich? Es ist die Zerfallswahrscheinlichkeit pro Zeit für einen einzelnen Kern. Großes λ = schneller Zerfall = kurze Halbwertszeit (sie sind umgekehrt proportional, ln20,693). So passt die Aussage von oben zusammen: instabiler ⇒ größeres λ ⇒ kürzeres T1/2.

Rechenrezept für alle Aufgaben: Restanteil =N(t)N0=2t/T1/2. Also (1) die Anzahl der Halbwertszeiten n=t/T1/2 bilden, (2) 2n ausrechnen. Fertig.

Rechenbeispiel 1 — O-15 (PET-Isotop, T1/2=2,03 min). Eine Lieferung kommt 13 min zu spät. Wie viel ist noch da?

  1. Anzahl Halbwertszeiten: n=tT1/2=13 min2,03 min6,40.
  2. Restanteil: 26,40=126,40. Es ist 26=64 und 20,401,32, also 26,40641,3284,5.
  3. 184,50,0118=1,18% → fast alles ist zerfallen. Deshalb ärgert sich der Forschungsleiter — das Isotop ist praktisch „weg" (kurze T1/2 heißt: muss vor Ort am Zyklotron (ein ringförmiger Teilchenbeschleuniger, der geladene Teilchen auf hohe Energie bringt und damit kurzlebige Isotope direkt im Krankenhaus erzeugt) erzeugt und sofort genutzt werden).

Rechenbeispiel 2 — Cs-137 und Sr-90 (typische Reaktorprodukte). Cs-137: T1/2=30,2 a, gefragt nach 36 a.

  1. n=3630,21,19 Halbwertszeiten (also etwas mehr als eine Halbierung).
  2. 21,19=121,19, und 21,192,28.
  3. 12,280,438=43,8% — nach 36 Jahren ist noch fast die Hälfte da. Sr-90 hat eine ganz ähnliche Halbwertszeit (T1/228,8 a), zerfällt also fast genauso langsam. ✎ Solche mittleren Halbwertszeiten (Jahrzehnte) sind besonders heikel: kurzlebige Isotope sind schnell weg, sehr langlebige strahlen nur schwach — aber „Jahrzehnte" heißt noch ordentlich Aktivität und lange Verweildauer in Umwelt und Körper.

Rechenbeispiel 3 — I-131 (Schilddrüse, T1/2=8 d), gefragt nach 40 d.

  1. n=40 d8 d=5 — diesmal genau 5 ganze Halbwertszeiten (saubere Halbierungen).
  2. 25=125=132.
  3. 1320,0313=3,13%. Ob das gefährlich ist, hängt von der Ausgangsmenge N0 ab — bei einem AKW-Unfall kann selbst 3% einer riesigen Menge noch viel sein.