Drei Prüfungszettel im echten Stil von Prof. Linhart (Zettel 1 = durch Hospitation bestätigte Originalprüfung ★); Skript: Thema 6. Mündliche Prüfung ca. 10 Minuten: Rechenbeispiel zuerst aufs Papier, dann Diskussion.
Zettel 1 — Kosmische Strahlung komplett + Polarlichter ← Originalprüfung ★
Paradigmeneinordnung: Wie kommt man von „die Strahlung kommt aus dem Boden" zu „sie kommt aus dem All" — und warum zwingt uns am Ende ein Elementarteilchen, die absolute Zeit aufzugeben? Dieser Zettel folgt dem Weg der echten Physik: Phänomen → Messung → Einteilung → klassische Rechnung scheitert → neue Theorie (SRT) → Anwendung (Schutz, Polarlichter).
- ★ Erkläre: Was ist Strahlung? Was macht Strahlung ionisierend? Nenne ein Alltagsbeispiel.
- ★ Quelle der kosmischen Strahlung: Wie zeigte Hess 1912, dass ein Teil der Strahlung aus dem All kommt? Erkläre die Logik des Experiments (Erwartung vs. Ergebnis).
- ★ Einteilung: Nach Quelle (solar / interstellar) und nach Wechselwirkung (primär / sekundär) — zwei Kriterien, die man nicht verwechseln darf.
- ★ Hauptbestandteile: Woraus besteht die solare Strahlung hauptsächlich? (Protonen + Heliumkerne/α) Was ist der Hauptbestandteil der sekundären Strahlung? (Myonen, ca. 75 %)
- ★ Rechenbeispiel (zuerst aufs Papier, dann Diskussion): Myonen:
, Entstehungshöhe ca. 20 km. a) Einheiten umrechnen: s → s. b) Maximale klassische Reichweite c) Wo liegt der Widerspruch? Löse ihn einmal mit Zeitdilatation und einmal mit Längenkontraktion ( , mit Zahlen). - ★ Strahlenschutz: Wie schützt man die Astronauten einer Mars-Mission vor der kosmischen Strahlung? (Stichworte: Raumschiff mit einer ca. 5 m dicken Wasserschicht umhüllen, Magnetschild, unterirdische Quartiere) Warum ausgerechnet Wasser?
- ★ Polarlichter: Erkläre die Entstehung: von den Sonnenausbrüchen → magnetische Stürme → Feldlinien des Erdmagnetfelds → Leuchten der hohen Atmosphäre. Warum sieht man sie nur in Polnähe? Woher kommen Grün, Rot und Blauviolett?
- Wissenschaftstheoretischer Haken: „Zeit und Länge sind nicht absolut" — welchen Rang hat der gesunde Menschenverstand in der Physik, wenn das Myon ihn widerlegt? Ist Hess' Ballonflug eine Falsifikation wie aus dem Lehrbuch?
Zettel 2 — Blitz und Gewitter
Paradigmeneinordnung: Ein einziger Blitz verknüpft Elektrostatik, Plasma, Akustik und Geometrie (1/r vs. 1/r²) — und ausgelöst wird er womöglich von der kosmischen Strahlung aus Zettel 1.
- Erkläre: Wie entsteht eine Gewitterwolke? Woher kommt die Energie? (Sonne → feuchte Luft steigt → Kondensation → Ladungstrennung)
- Alltagsbeispiel: Die Influenzmaschine im Physiksaal als Modell des Blitzes — Gemeinsamkeiten und Unterschiede?
- Phasen des Blitzes (Vierschritt-Kette): ① Ladungstrennung → ② Spannungsaufbau → ③ Leitblitz (unsichtbar) → ④ Hauptblitz (sichtbar). Welcher Schritt braucht einen Auslöser — und welchen?
- Rechenbeispiel (aufs Papier): Zwischen Blitz und Donner liegen 12 s. a) Leite die 3-Sekunden-Regel her: Schall
m/s — wie lange pro km? b) Wie weit ist das Gewitter? Rechne exakt mit und vergleiche mit der Regel. - Ableitung: Warum gilt für die Punktquelle
, für die Linienquelle (Blitzkanal) ? Schritt für Schritt aus und der Geometrie der Wellenfront (Kugel/Zylinder). Warum grollt der Donner? - Blitzableiter: Warum am höchsten Punkt, warum spitz — und warum trotzdem kein 100-%-Schutz?
- Haken: Maxwell — beschleunigte Ladungen senden EM-Wellen aus; im Blitz entstehen sogar Röntgen- und Gammastrahlung. Ist die 3-Sekunden-Regel ein Gesetz oder eine Faustregel — und worin unterscheidet sich deren Status in der Wissenschaft?
Zettel 3 — Interferenz an dünnen Schichten
Paradigmeneinordnung: Der Regenbogen auf der Seifenblase ist kein Farbstoff, sondern Geometrie — die Wellennatur des Lichts übersetzt „Dicke" in „Farbe". Vom Phänomen über die λ/4-Vergütung bis zur Frage: Was ist eigentlich ein Meter?
- Erkläre: Warum schillern Seifenblasen und Ölfilme? Mechanismus: Interferenz der an Ober- und Unterseite reflektierten Wellen.
- Bedingungen: Phasenbedingungen für konstruktive/destruktive Interferenz (
bzw. ). - Ableitung: Woher kommt der Gangunterschied
(geometrischer Umweg × Brechungsindex )? Welchem Satz der Wellenlehre folgt der Phasensprung (festes/freies Ende)? Warum ist eine sehr dünne Seifenhaut im reflektierten Licht dunkel? - Rechenbeispiel (aufs Papier): Antireflexschicht einer Brille, MgF₂ (
), grünes Licht nm. a) Einheiten: nm → m. b) Schichtdicke Warum heben sich die beiden Phasensprünge hier gegenseitig auf? c) Wohin „verschwindet" die ausgelöschte Reflexionsenergie? - Alltagsbeispiel: Warum ändern sich die Farben, wenn man Seifenblase oder Schmetterlingsflügel kippt (Verschiebung Richtung Blau)? Unterschied Strukturfarbe vs. Pigmentfarbe?
- Newton'sche Ringe: Formel
; und umgekehrt: Wie misst man mit einem Luftkeil die Dicke eines Haares? - Haken: 1960: „1 Meter = 1 650 763,73 Wellenlängen der Krypton-86-Linie" — warum definiert die Wissenschaft Länge über Wellenlängen? Was muss ein Maßstab erfüllen?
Nachfragen-Kette
- Was misst ein Elektroskop eigentlich?
- Hess' Strahlung war auch nachts und bei Sonnenfinsternis da — was folgt daraus?
- Woraus besteht ein α-Teilchen?
- „Merkt" das Myon seine eigene Zeitdilatation? Und das Photon?
- Hinter welchem weiteren Effekt steckt dieselbe Wurzel
? - Warum nimmt man zum Abschirmen ausgerechnet Wasser und keine Bleiplatten?
- Warum gibt es keine Polarlichter über dem Äquator?
- Welches Atom leuchtet beim Polarlicht grün?
- Was löst den Blitz aus — und warum reicht die Spannung allein nicht?
- 9 s zwischen Blitz und Donner — wie weit ist das Gewitter?
- Warum ist der Leitblitz unsichtbar, der Hauptblitz sichtbar?
- Warum schimmert der Restreflex einer vergüteten Linse purpur?
§§ANTWORTEN
Zettel 1 ★
- Strahlung = Ausbreitung von Energie als Teilchen oder elektromagnetische Welle. Ionisierend ist sie, wenn ihre Energie ausreicht, Elektronen aus Atomen/Molekülen herauszuschlagen (Ionisation). Alltagsbeispiele: Radon, Röntgen beim Arzt, kosmische Strahlung beim Fliegen. (§6.1)
- 1912 hielt man ionisierende Strahlung für Bodenstrahlung (radioaktives Gestein). Hess stieg mit dem Ballon und einem Elektroskop auf: Käme sie aus dem Boden, müsste sie mit der Höhe abnehmen; gemessen wurde erst ein leichtes Absinken, dann eine Zunahme — also kommt ein Teil aus dem Weltall (Nobelpreis 1936). (§6.1)
- Nach Quelle: solare Strahlung (von der Sonne) vs. interstellare Strahlung (aus den Tiefen des Alls). Nach Wechselwirkung: primäre Strahlung (noch vor dem Auftreffen auf die Atmosphäre) vs. sekundäre Strahlung (entsteht beim Aufprall der Primärteilchen auf N₂/O₂). Zwei unabhängige Kriterien — nicht verwechseln. (§6.1)
- Solare Strahlung: vor allem Protonen + α-Teilchen (Heliumkerne, 2p+2n). Sekundärstrahlung: ca. 75 % Myonen (samt Antimyonen) — die schweren „Verwandten" des Elektrons am Ende der Schauer-Zerfallskette. (§6.1)
- Rechnung (nachgeprüft): a)
s. b) m. Probe: ; ✓. c) 660 m ≪ 20 km — klassisch käme kein Myon an, gemessen werden sie trotzdem. Zeitdilatation (Erdsicht): ; , , , also . Damit und km ≥ 20 km ✓. Längenkontraktion (Myonsicht): m ✓. Merksatz: „Was der eine als gedehnte Zeit beschreibt, beschreibt der andere als verkürzte Strecke." (§6.2) - Mars-Mission: ① das Raumschiff mit einer ca. 5 m dicken Wasserschicht umhüllen (Formulierung aus dem Unterricht) — Wasser ist wasserstoffreich, leichte Kerne bremsen (moderieren) die Teilchen am besten und absorbieren Sekundärneutronen; außerdem braucht man das Wasser ohnehin (Trinken, Sauerstoff); ② Magnetschild — lenkt geladene Teilchen ab, wie das Erdmagnetfeld; ③ Quartiere unter dem Marsboden. (§6.1)
- Polarlichter (Schritt für Schritt): ① Sonnenausbrüche schleudern große Mengen geladener Teilchen heraus (verstärkter Sonnenwind) → auf der Erde magnetische Stürme; ② das Erdmagnetfeld lenkt die geladenen Teilchen ab und führt sie entlang der Feldlinien zu den beiden Polen — nur dort tauchen die Feldlinien in die Atmosphäre ein, deshalb „Polarlicht"; ③ in ca. 100–300 km Höhe stoßen die Teilchen auf O-Atome und N₂-Moleküle und regen sie an; ④ beim Abregen wird die Energie als Licht frei: Grün = Sauerstoff (557,7 nm, ~100–150 km), Rot = Sauerstoff in größerer Höhe, Blauviolett = N₂. (§6.1)
- Das Myon zeigt: Der gesunde Menschenverstand (absolute Zeit) ist nur eine Näherung für kleine Geschwindigkeiten; das Experiment entscheidet, nicht die Anschauung. Hess: Die Hypothese „Strahlung aus dem Boden" sagt „Abnahme mit der Höhe" voraus; gemessen wurde das Gegenteil → die Hypothese ist falsifiziert, die neue (kosmischer Ursprung) übernimmt — Lehrbuch-Falsifikation.
Zettel 2
- Die Sonne erhitzt feuchte Luft → sie steigt auf → in der Höhe Kondensation zu Wolken; dieselbe Sonnenenergie treibt die Ladungstrennung in der Wolke. Energiequelle ist immer die Sonne. (§6.3)
- Gemeinsam: Ladungsaufbau bis zum Funkenüberschlag. Unterschied: Beim Blitz sind Spannung, Strom und Länge um viele Größenordnungen größer — und er braucht einen äußeren Auslöser.
- Vier Schritte: Ladungstrennung → Spannungsaufbau → Leitblitz (unsichtbar, kleiner Strom, ionisierter Kanal wie ein Stromkabel) → Hauptblitz (sichtbar, großer Strom fließt über die Ionenbrücke zurück). Auslöser: höchstwahrscheinlich die kosmische Strahlung — Luft ist ein Isolator; sie liefert die ersten freien Ladungsträger für die Stoßionisation. „Die Spannung allein reicht nicht." (§6.3)
- Rechnung (nachgeprüft): a)
s pro km → Regel: Sekunden ÷ 3 = Entfernung in km. b) Regel: km. Exakt: km. Probe: ✓ — nur 2 % Abweichung, die Faustregel genügt. (§6.3) . Punktquelle: Wellenfront = Kugel, → (doppelter Abstand → ein Viertel). Linienquelle: Wellenfront = Zylindermantel, → (doppelter Abstand → die Hälfte). In einem Satz: „Beim Punkt wächst die Fläche quadratisch, bei der Linie nur linear." Das Grollen: Schall verschieden weit entfernter Kanalabschnitte trifft nacheinander ein. (§6.4) - An der höchsten, spitzen Metallstelle ist das elektrische Feld am stärksten (Ladung sammelt sich an Spitzen) → der Überschlag setzt bevorzugt dort ein. Wegen des Absprungverhaltens kann sich der Blitz aber auffächern und andere Stellen treffen → kein 100-%-Schutz. (§6.3)
- Maxwell (1860): Beschleunigte Ladungen senden EM-Wellen aus; je größer die Beschleunigung, desto höher die Energie — im Blitz bis zu Röntgen- und Gammastrahlung. „Durch 3 teilen" ist eine Faustregel (Näherung aus
m/s); das Gesetz dahinter ( ) ist die allgemeingültige Aussage — die Regel ist bequem, das Gesetz trägt die Verantwortung.
Zettel 3
- Licht wird teils an der Oberseite, teils an der Unterseite der Schicht reflektiert; die beiden versetzten Wellen überlagern sich → Interferenz. Hell oder dunkel entscheidet, ob sie im Takt (Berg auf Berg) oder gegentaktig (Berg auf Tal) ankommen. (§6.5)
- Konstruktiv:
(Versatz = ganzzahliges Vielfaches von λ); destruktiv: (halbzahliges Vielfaches, Berg auf Tal). - Die untere Welle läuft
extra (hinunter + hinauf); in der Schicht ist die Wellenlänge auf verkürzt, also zählt der optische Weg: . Satz der Wellenlehre: Am festen Ende (Reflexion am optisch Dichteren) Phasensprung um , am freien Ende keiner. Bei der Seifenblase springt nur die obere Reflexion → für sorgt allein dieser eine Sprung für Auslöschung → dunkel. (§6.5) - Rechnung (nachgeprüft): a)
m. b) nm. Probe: ✓. Wegen wird an beiden Grenzflächen ins Dichtere reflektiert → beide Wellen springen um → die Sprünge heben sich auf, es bleibt die Bedingung . c) Die Energie wird nicht vernichtet, sondern geht ins durchgehende Licht — genau der Zweck der Vergütung (mehr Licht in Kamera/Auge/Solarzelle). (§6.5) - Bei flacherem Blick wird der Gangunterschied kleiner (
) → eine kürzere Wellenlänge erfüllt die konstruktive Bedingung → Farbverschiebung Richtung Blau. Strukturfarben sind winkelabhängig, Pigmentfarben nicht — das ist das Unterscheidungskriterium. - Konzentrische Ringe in der Luftschicht zwischen Linse und Platte; dunkle Ringe:
. Umgekehrt: Luftkeil mit rotem Licht ( nm), 41. dunkler Streifen am Haar ( ) → . Probe: m ✓. (§6.5) - Eine Wellenlänge ist überall reproduzierbar (jedes Labor misst an derselben Spektrallinie dieselbe Länge) und nutzt sich nicht ab wie ein Metallstab — ein Maßstab muss universell, unveränderlich, reproduzierbar sein; seit 1983 definiert man noch fundamentaler über die Lichtgeschwindigkeit.
Nachfragen-Kette
- Das Elektroskop misst Ladung: Ionisierende Strahlung macht die Luft leitfähig, die Ladung fließt ab — je schneller, desto stärker die Strahlung.
- Dass die Quelle nicht nur die Sonne ist, sondern der gesamte Kosmos (nachts/bei Finsternis ist die Sonne „abgeschaltet", die Strahlung bleibt).
- „2 Protonen + 2 Neutronen — ein Heliumkern, zweifach positiv geladen."
- Nein — im eigenen Bezugssystem ist alles normal, nur die Außenwelt erscheint verändert; für ein Photon vergeht gar keine Zeit.
- Die relativistische Massenzunahme: für
wächst die Masse über alle Grenzen → nichts mit Ruhemasse erreicht . - Wasser ist wasserstoffreich: leichte Kerne haben etwa die Masse der einfallenden Protonen/Neutronen und moderieren (bremsen) sie am wirksamsten, dazu Absorption der Sekundärteilchen; außerdem braucht man Wasser ohnehin — doppelter Nutzen. Blei wäre zu schwer zum Starten, und schwere Kerne erzeugen unter Beschuss selbst Sekundärschauer.
- Weil die Feldlinien nur in Polnähe in die Atmosphäre eintauchen — die geladenen Teilchen sind an die Feldlinien gebunden und kommen nur dort „herunter"; über dem Äquator verlaufen die Feldlinien parallel zum Boden.
- Sauerstoff, grüne Linie bei 557,7 nm (ca. 100–150 km Höhe); höher oben leuchtet O rot, N₂ blauviolett.
- Höchstwahrscheinlich die kosmische Strahlung: Luft ist ein Isolator; es braucht erste freie Ladungsträger für die Stoßionisation — Spannung allein reicht nicht.
km (exakt: m ✓). - Im Leitblitz fließt nur ein kleiner Strom — zu wenig, um die Luft leuchten zu lassen; erst der große Strom des Hauptblitzes heizt den Kanal hell auf.
- Die Auslöschung stimmt nur für eine Wellenlänge (Grün) exakt; Rot- und Blauanteile werden weiter reflektiert → Mischfarbe Purpur/Violett.